KOMMENTAR DER WOCHE

Wer hätte das gedacht

(Bühne der Eitelkeiten)

"Demokratie in der Provinz" betitelte ich den Kommentar vom 11.05.2002.

An jenem Tag starteten die Bürger für Gütersloh das Bürgerbegehren gegen den Theaterneubau und setzten ihren Slogan "Damit der Bürger endlich mitbestimmen kann" in die Tat um. Sie hatten es schwer. Ein starker Wind schlug ihnen entgegen. Fast alle Parteien sprachen sich für einen Theaterneubau aus. Die finanzkräftige Lobby des Theaterfördervereins fand ihr Sprachrohr in den Medien. Das Kulturamt veranstaltete Mitleidsführungen durch die Paul-Thöne-Halle. Bürgermeisterin und Politiker von CDU und SPD ließen keine Gelegenheit ungenutzt, um die Bürgerinnen und Bürger auf die "Notwendigkeit eines neuen Theaters" einzustimmen. Die Vorstellung der Neubaupläne auf der Bühne des angeblich so maroden Theaters sollte zu einer spektakulären Inszenierung werden. Den Bürger jedoch ließ dies alles unbeeindruckt !

Die Argumente der Neubaubefürworter waren weder überzeugend noch schlüssig. Ein umsetzbares und realistisches Finanzierungskonzept liegt bis heute nicht vor und die Berechnungen der Folgekosten entbehrten in vielen Punkten einer logischen Denkweise. Anders war es bei den Kritikern. Sie setzten auf Daten, Zahlen und Fakten. Auf Aussagen des Kämmerers, der die Finanzen der Stadt besser als kein anderer kennen dürfte. Sie informierten sachlich, nüchtern und umfangreich. Kaum jemand der "pro-Neubau Eingestellten" wollte auf die BfGT hören, doch die Bürger nutzten die Gelegenheit um sich zu ausgiebig zu informieren, bevor sie gegen den Neubau aussprachen. 

Als die BfGT zum Endspurt ansetzte kam bei den Befürwortern Panik auf. Lange geplant und angemeldet waren die Infostände in der Innenstadt. Kurzfristig postierten sich die Freunde des Neubaus mit einem Sparkassenzelt demonstrativ auf der anderen Seite. Architekt Friedrich wurde eingeladen, Kulturpolitiker - mehrheitlich von der SPD - umlagerten den Stand zusammen mit den Vertretern des Kulturamtes. Es nützte nichts - die Ansprechpartner, die Bürger, fehlten und zeigten kein Interesse an den 4farbigen Werbebroschüren ließen sich auch nicht vom dem großen Farbplakat des Neubaus anlocken. Zielstrebig gaben sie auf der anderen Seite ihre Unterschriftslisten ab und reagierten mit Unverständnis auf die Panikmache und die Ankündigung, dass das Theater in absehbarer Zeit geschlossen werden müsste. 

Höhepunkt der Kampagne waren zudem die falschen Zahlen, mit denen die Befürworter der Bürgerschaft Glauben machen wollten, es sei genügend Geld vorhanden, um den Neubau zu finanzieren. Wer hauptberuflich über Kredite in Millionenhöhe entscheidet und das Geld vieler Bürger verwaltet, hätte einen Aufruf dieser Art nicht unterschreiben dürfen.

Die Bürger haben sich mit einem überwältigen Votum gegen einen Neubau zu Wort gemeldet. Jetzt kommt es darauf an, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die auf die Kultur vor Ort zugeschnitten sind. Der Vorhang für einen Jahrmarkt der Eitelkeiten sollte nicht erst aufgezogen werden und der Wille des Bürgers nicht erneut ignoriert werden.

Die Gütersloher haben es jetzt selbst in der Hand, mit einem Bürgerentscheid über Bau oder Nicht-Bau abzustimmen.

Roland von Zahl

17. Februar 2003

Der Kommentar spiegelt nicht unbedingt die Meinung der BfGT wieder.