Kommentar der Woche
Der gute Geist der Bürger
(Detmolder Vor-Entscheidung zum GEP)
Es scheint ihn doch noch zu geben: den guten Geist,
der schützend sein Hand über die Bürger legt. Der gute
Geist scheint sein Domizil in Detmold zu haben. Die Nachricht verbreitete
sich wie ein Lauffeuer: Die Bezirksregierung in Detmold lehnt die Gewerbegebiete
in Spexard und Pavenstädt ab. Die grüne Landschaft in Blankenhagen
soll jetzt doch den betonierten Firmensitzen weichen. Was waren die ausschlaggebenden
Gründe für diese Entscheidung? Die Bürgerproteste können
es kaum gewesen sein, denn auch in Blankenhagen war der Widerstand nicht
weniger als in Pavenstädt und Spexard. Wen interessieren auch schon
die Bürger. Lass sie protestieren, wir hören uns das an und
entscheiden letztendlich, so wie wir das wollen. Schließlich sind
die Damen und Herren, die im Planungsausschuss sitzen, gewählte
Bürgervertreter. Was war denn in Spexard? Laut rief die CDU im Vorfeld:
mit uns nicht und was passierte? Nicht nur den Spexardern ist dies noch
bestens in Erinnerung. Die nicht unerheblichen Proteste der Betroffenen
verhallten im Fachwerk des Bauernhauses. Blankenhagen - starkes Wählerpotential
für die SPD. Alles legten sie in die Waagschale, um dieses Fleckchen
unberührte Natur zu retten. Mit Erfolg muss man schon sagen. Pavenstädt:
Hier liegen die beiden Volksparteien fast gleichauf in der Wählergunst.
Also, Platz genug ist ja da, der Flughafen nicht weit entfernt und einem
Genossen gehört ja zudem ein nicht unerhebliches großes Stück
Land, auf dem gebaut werden kann. Der macht bestimmt auch keine Schwierigkeiten
beim Verkauf. Die beiden großen Parteien waren sich einig - in
Pavenstädt siedeln wir Arbeit und Wohnungen gleich nebeneinander
an und wo durch Industrieansiedlung vielleicht etwas mehr Lärm entsteht,
können die Fluggeräusche ja auch nicht mehr als so störend
empfunden werden. Wählerstimmen werden prozentual zu gleichen Teilen
verloren, also kann auch gemeinsam gestimmt werden. Um die Bürgerproteste
braucht man sich auch in diesem Ortsteil nicht zu kümmern. In Spexard
wurde dafür auf 10ha verzichtet, so dass die CDU dies noch als großen
Sieg für die Bürgerbewegung verkaufen konnte.
Die Entscheidung aus Detmold wirft alles Durcheinander.
Wie auch immer die Begründung lauten mag, die Bürger können
erst einmal durchatmen. Zwar wird sich die Gütersloher Verwaltung
mit der Entscheidung kaum zufrieden geben und auch die beiden Volksparteien
CDU und SPD müssten eingestehen, dass ihre Entscheidung doch nicht
so richtig gewesen sein kann. Was jedoch passiert mit Blankenhagen? Wenn
die beiden großen Fraktionen zu ihrem Wort stehen, dann dürfte
auch dieser Ortsteil kaum gefährdet sein. Aber was gelten heutzutage
noch Versprechungen und Entscheidungen in der Politik? Vielleicht machen
sich Politik und Verwaltung jetzt doch Gedanken über die Nutzung
von Teilflächen auf dem Flughafengelände. Vernünftig wäre
es allemal und den Bürgerprotesten könnte letztendlich doch
Gehör geschenkt werden, denn gegen die Ansiedlung von Gewerbebetrieben
auf dem Flughafengelände hat wohl kaum jemand etwas einzuwenden.
Bürger können übrigens nicht nur protestieren
und "gegen etwas sein", wie es viele Politiker des öfteren
kund tun. Nein, sie können auch tolle Vorschläge erarbeiten,
um unsere Stadt noch attraktiver zu gestalten. Bürger wollen mitarbeiten,
mitbestimmen, mitentscheiden. Die Politik sieht dies nicht so gerne,
denn schließlich sind es ja nicht ihre Ideen, die umgesetzt werden
sollen und ihnen Wählerstimmen bringen könnte. Beispiel der
Agendaverein. Hervorgegangen aus dem Zukunftsforum und den Arbeitskreisen
der Agenda. Neben vielen anderen Ideen wollten Sie einen Park anlegen
lassen. Sie machten sich Gedanken und erarbeiteten in unzähligen
Stunden en Konzept. Das ist Bürgerbeteilung, da ist Mitbestimmung.
Die Politik lobte das Projekt in höchsten Tönen und gab sogar
die entsprechenden Mittel zur Planung frei. Die Welt schien in Ordnung
und greifbar nah war die Chance, eine Bürgeridee zu verwirklichen.
Wirklich nur greifbar nah. Die jungen Mitglieder der Christlich Demokratischen
Union wollten allerdings auch einen schönen Park, dazu sogar noch
mit einem See. Und wo? Natürlich da, wo ihr Wählerpotential
zu Hause ist: in Avenwedde. Die Finanzkrise war der geeignete Grund,
um Ihr eigenes Projekt an die erste Stelle zu setzen. Für die Bürgeridee
wäre kein Geld mehr vorhanden, für den Vorschlag der Jungen
Union würde es aber gerade noch reichen. Einzig allein parteipolitisches
Kalkül war ausschlaggebend, um die monatelange Arbeit des Agendavereins
vom Tisch zu wischen und die Bürgeridee mit Füssen zu treten.
Da fehlen selbst dem kritischsten Kommentator die Worte. Gut dass, es
noch andere Fraktionen gibt, die hoffentlich die gesetzlichen Möglichkeiten
nutzen, um eine Entscheidung durch den Rat herbeizuwirken. Im Sinne der
Bürgerschaft und im Sinne des demokratischen Verständnisses.
Wann sind doch gleich die nächsten Kommunalwahlen?
Der Bürger ist hoffentlich nicht so vergesslich, wie manche Politiker
es sich manchmal gerne wünschen.
Roland von Zahl
18. Mai 2002
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