Kommentar der Woche


An dieser Stelle veröffentlichen wir wöchentlich einen Kommentar zu aktuellen Themen in unserer Stadt. Den Kommentar kann und darf jeder schreiben. Eingereicht werden muss er jedoch jeweils bis Freitags 16.00 Uhr. Das für die Homepage verantwortliche Team sucht den interessantesten Beitrag aus und pflegt ihn ein. Der Verfasser wird über die Einpflegung benachrichtigt.

Parteipolitische Kriterien spielen bei der Einpflegung zwar keine Rolle doch sollte sich der Inhalt mit allgemeinen Themen befassen, die in unserer Stadt erörtert und diskutiert werden.

ZÄHNE ZEIGEN
(Kunst und Politik - Absagen, Ansagen und sonstige Sagen)

Hatte das Eine vielleicht mit dem Anderen zu tun? Grundstücks-, Hauptausschuss- und Ratssitzung wurden in dieser Woche mangels beratungsreifer Punkte abgesagt. Wollte die Verwaltung den Künstlern in den Fluren des Rathauses bei der Vorbereitung zu ihrer Ausstellung KUNST TRIFFT RATHAUS die vielleicht störenden oder Fragen der Politiker ersparen oder gab es tatsächlich so wenig zu beraten und zu entscheiden? Vielleicht war es auch der Beginn der von Politik und Verwaltung angekündigten Sparmassnahmen, denn Ausschuss- und Ratssitzungen belasten mit den jeweilig zu zahlenden Aufwandsentschädigungen letztendlich auch den städtischen Haushalt. Die Stadt möchte ja ein neues Theater bauen und das kostet Geld, viel Geld. Also: sparen, sparen und nochmals sparen! Schön, dass es bei der Ausstellungseröffnung noch Getränke und Schnittchen gegeben hat. Es muss damit gerechnet werden, dass auch bei Empfängen dieser Art demnächst der Rotstift angesetzt wird.

Und schon sind wir bei der KULTUR und über KUNST und KULTUR lässt sich immerhin genauso streiten wie über POLITIK.

Es ist schon verwunderlich, dass nach Jahrzehnten der Verweigerung und Enthaltsamkeit die Gütersloher Stadtverwaltung endlich Türen und Tore für die Gütersloher Künstlerszene öffnete. Sage und schreibe sieben Gütersloher Künstlerinnen und Künstler durften zum ersten Mal die tristen Flure der Gütersloher Verwaltungstürme zum Leben erwecken. Kompliment an die Stadt und den Kulturdezernenten Wimmer, der maßgeblich an der Realisierung dieses Projektes beteiligt war. Unendlich viele Jahre hatten die langen und zumeist dunklen Flure im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein führen müssen und wurden von Besuchern und Mitarbeitern in aller Eile und Hektik nur mit Füssen getreten. Bei der Eröffnung war es jedoch anders. Die Besucher flanierten gemächlich und langsamen Schrittes die Flure entlang, entdeckten und begutachteten Wandmalereien und Plakate (welch ein Wunder, dass das Ordnungsamt nicht wegen Wildplakatierens tätig wurde), Objektinstallationen und Fotografien, lauschten dem Vogelgezwitscher (war es etwa der städtische Kuckuck, der dem Vollstreckungsamt entflogen ist), Dokumentationen und Fensterbeschriftungen. Und genau am Treppenaufgang verweilten die Damen und Herren des Rates etwas länger und drehten ihre Köpfe, um festzustellen, ob denn auch ihr Name in das Kunstwerk aufgenommen wurde.

Der absolute Höhepunkt der Ausstellung waren jedoch die Zähne und Gebisse von Gütersloher Bürgerinnen und Bürger, die - sorgfältig geputzt und gepflegt - den Betrachter anlächelten. An der Gütersloher Verwaltung haben sich im laufe der Jahre ja schon viele die Zähne ausgebissen. Sind sie nun an den Ort des "Grauens" zurückgekehrt? Wollen sie Rache nehmen, für das was ihren Trägern einst widerfahren ist? Die nächsten Tage und Wochen werden Auskunft darüber geben. Welcher Verwaltungsmitarbeiter wagt sich denn jetzt noch allein über die Flure? Viele werden nur noch gemeinsam in Gruppen und Hand in Hand durch das 1. Obergeschoss im Rathaus 2 gehen, um nicht durch klappernde und klackende Zähne und Gebisse erschreckt und an die Taten der Vergangenheit erinnert zu werden. Natürlich sind bestimmt nicht alle Mitarbeiter davon betroffen. Es gibt auch Bereiche, denen die Bürgerinnen und Bürger ein Lob aussprechen und mit deren Leistungen und Service sie zufrieden sind. Nicht das Spukschloss im Spessart und die klappernde Mühle am rauschenden Bach, sondern das Kabinett des Erschreckens wartet in den unendlich lang wirkenden Gängen auf die Stunde der Wahrheit.

Spannend wird es, wenn Rats- und Ausschusssitzungen beendet sind und die Politiker den Sitzungssaal verlassen. Bis auf den Hausmeister ist niemand mehr im Hause. Wehrlos und ohne Schutz müssen sie den Weg vom 7. Stock hinab ins Erdgeschoss antreten. Wie werden sich die Zähne und Gebisse verhalten. Haben sie von ihren Trägern entsprechende Weisungen erhalten und wissen sie auch, welcher Politiker aus welcher Fraktion seiner Frau und seinem Herren in der Vergangenheit mit seinen Entscheidungen Sorgen, Probleme, Enttäuschungen und sogar Schmerzen bereitet hat? Die Stunde der Wahrheit naht und jetzt muss so mancher Politiker die eigenen Zähne zusammen beißen und auf dem Weg nach unten zur rettenden Tür darüber nachdenken, welche Fehlentscheidungen er vielleicht einmal getroffen hat und überlegen, wie er die Fehler der Vergangenheit wieder gutmachen kann.

Jetzt heißt für die Bürgerinnen und Bürger im wahrsten Sinne des Wortes ZÄHNE ZEIGEN. Nehmen Sie Ihre Rechte wahr und verdeutlichen Sie den Politikern und den Parteien, dass sie ohne ihre Wähler gar nicht da wären, wo sie jetzt sind. Der Wunsch und mehrheitliche Wille des Bürgers ist zu achten und umzusetzen. Dafür sitzen die gewählten Damen und Herren im Rat und in den Ausschüssen. Die Bürgerbewegung zum Thema ZIMMERMANN z.B. wird der Politik die Zähne zeigen und sie daran erinnern, dass es die Bewohner dieser Stadt sind, die die Ratsfrauen und Ratsherren zu vertreten haben. Zähne gezeigt haben auch die Initiativen gegen die Gewerbegebiete in Blankenhagen, Pavenstädt und Spexard. Zähne wurden auch bei der Unterschriftenaktion für die Öffnung der Kreuzung Blessenstätte / Kirchstr. gezeigt und gerade die beiden letzten Themen sind noch nicht lange nicht abgeschlossen.

Die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt wollen mitbestimmen und sind auch bereit, mit Vorschlägen, Anregungen und Ideen an der Gestaltung unserer Stadt mitzuarbeiten. Doch darf es seitens der Verwaltung nicht wie so oft heißen: "Der Anregung wird nicht gefolgt" und auch die Politik sollte mehr auf "Volkes Stimme" hören.

Wer weiß schließlich, welche Zähne und Gebisse aus der Ausstellung denjenigen zuzuordnen sind, die noch heute mit Entscheidungen von Politik und Verwaltung nicht zufrieden sind. In den Zeiten neuer Technologien und mit den neuesten Kommunikationsmittel dürfte es für die Träger ein Leichtes sein, ihre ehemaligen "Beisser" fernzusteuern und an die richtige Stelle zu lenken. Wadenbeisser sind schließlich nicht ausgestorben.

Roland von Zahl

20. April 2002