Stellungnahme / Erklärung von Ansgar Wimmer, Beigeordneter für Jugend, Kultur, Bildung und Soziales der Stadt Gütersloh, zum Ausgang des Bürgerentscheids

Die Entscheidung der Bürger ist zu respektieren — Tragischer Tag für die Kulturarbeit in Gütersloh

An dem soeben von Frau Bürgermeisterin Unger vorgetragenen Ergebnis ist nichts
zu beschönigen. Es stellt eine tragische Niederlage für die Kultur und die Kulturarbeit in dieser Stadt dar. Ob sie zugleich ein überzeugender Sieg für die lokale Demokratie ist, mögen und werden andere beurteilen. Als Demokrat und Beigeordneter der Stadt Gütersloh habe ich diese Entscheidung der Bürger zu respektieren und die daraus folgenden Konsequenzen zu akzeptieren.

Für mich spiegelt das Ergebnis nicht nur die Realität in Gütersloh, sondern die Stimmungslage im Land insgesamt wieder. Sie ist gekennzeichnet durch unspezifische Angst vor Veränderung und Verlust sowie Zukunftsorge. Der lokale Versuch, diese Sorge der Menschen mit kreativem Mut zu durchbrechen ist einstweilen nicht gelungen. Aus persönlicher Sicht gestatten Sie an dieser Stelle drei Anmerkungen:

1.

Selbstkritisch ist anzumerken, daß wir die Bevölkerung mit diesem Thema inhaltlich
offensichtlich nicht erreicht haben. Gütersloh hat eine Protestwahl eines Teils seiner Bevölkerung erlebt, die mehr Probleme schafft, als zu lösen. In unserer Kommunikation haben wir so ziemlich jedes Mittel ausprobiert, um die Menschen in dieser Stadt inhaltlich zu der Notwendigkeit eines Theaterneubaus zu informieren. Zahlen, Fakten, Prognosen, Darstellungen im Internet und in Printform, Plakate, Pressetermine, rollende Bagger und nüchterne Darstellungen — Sie alle haben unsere Bemühungen miterlebt. Nicht nur das, Sie haben Ihrerseits mit journalistischer Neugier und der gebotenen Objektivität diesen Prozeß mit begeitet und versucht die Bevölkerung umfassend zu informieren. Hierfür an dieser Stelle meinen ausdrücklichen Dank an Sie. Tatsache ist aber, daß bis zum Schluß der Kenntnisstand zum Projekt selber und seinen finanziellen Auswirkungen für die Stadt Gütersloh von Mundpropaganda, Klischees und Ängsten geprägt waren — wir haben die Menschen auch jenseits der Fakten nicht emotional erreicht, vielleicht dies der tragischste Teil des Vorgangs. Überwältigend war in der Theaterdebatte die Sehnsucht nach einfachen Antworten —“Ja” oder “Nein” — auf eine sehr komplexe Frage; ein eher problematisches Beispiel für direkte Bürgermitwirkung.

2.

Neben dieser Selbstkritik treibt mich heute die Sorge um, daß Gütersloh alsbald aufwachen wird zu der Erkenntnis, daß die Menschen dieser Stadt keineswegs ohne Theater besser darstehen als mit. Was bleibt, sind in vollem Umfang die finanziellen Sorgen und die strukturellen Probleme — allein ein populistisches Feindbild “Theater” ist verloren gegangen. Und so entsteht die Sorge, welche Thema als nächstes in Visier gerät, zum Feindbild erwächst: Ist es der Umweltschutz, ist es das Krankenhaus, ist es der Sport oder sind es die Schulen. Auch als Jugend- und Sozialdezernent wünsche ich mir, daß wir in den anstehenden Haushaltsdebatten diese Art Diskussionen sofort unterlassen, ansonsten droht enormer Flurschaden. Bereits jetzt ist zu der heutigen Entscheidung soviel Mißtrauen zwischen Verwaltung, Politik und Bürgerschaft gesäät worden, mit dem Klischee von David gegen Goliath, das es dieser Stadt nicht guttut.

3.

Schließlich ist es mir wichtig, ein klares Signal zur Kulturarbeit der Stadt zu senden: Wir werden weiter in Gütersloh Theater machen, konstruktiv und so professionell wie irgend möglich unter diesen Umständen, innerhalb des Auftrags, den wir von Rat und Bürgerschaft der Stadt erhalten. Theater und Kultur sind zu wichtig, um in Trotz oder Grabenkämpfe zerrieben zu werden. Gütersloh braucht eine lebendige Theater- und Kulturszene, das steht auch in Zukunft fest. Einen “Plan B” gibt es im übrigen nicht. Eine Renovierung der Paul-Thöne Halle nach den vorgestellten Plänen kann es nach meiner Einschätzung, jedenfalls aber unter meiner Mitwirkung nicht geben. Auch nach dem Bürgerentscheid bleibt festzustellen, daß dieser Bau so nicht in die Zukunft zu führen ist. Bei allem Respekt vor der heutigen Entscheidung bleibt für zukünftige Generationen die Notwendigkeit sich um einen Theaterneubau für Gütersloh zu sorgen. Erlauben Sie mir zum Abschluß noch eine eher persönliche Wort des Dankes und der Hochachtung an die hier vertretenen Parteien und die Bürgermeisterin unserer Stadt:

Maria Unger hat mit den hier vertretenen Parteien in schwierigster Situation und in Kenntnis aller Fakten in der Theaterdebatte eine klare Position gefunden und vertreten. Ich konnte selbst erleben, wie engagiert und konstruktiv sie den Planungsprozeß begleitet und im Bereich der Sponsorengewinnung Enormes geleistet hat. Sie hat eine Chance für diese Stadt erarbeitet. Dies wird sie mit den im Rat vertretenen Parteien auch in Zukunft tun und ich bin zuversichtlich, daß diese Stadt die ihr so gebotenen Chancen in Zukunft auch nutzen wird.

Gütersloh, den 29. Juni 2003

Ansgar Wimmer