KOMMENTAR DER WOCHE

Vorsicht - Einsturzgefahr 

(Eine Stadtrundfahrt zum Paradies)

Neulich bekam ich Besuch und wollte meinen Gäste die "Sehenswürdigkeiten" unserer Stadt zeigen. Gütersloh hat schließlich etwas zu bieten und wir können stolz auf unsere Stadt im Grünen sein. Stadtpark mit dem Botanischen Garten, Mohnspark mit der Freilichtbühne, der Alte Kirchplatz und die Apostelkirche. Das Parkbad, Mühlenstroth mit dem Westfälischen Kleinbahn- und Dampflokmuseum. Das Weberhaus und nicht zu vergessen Bertelsmann und Miele. Ach ja, der Theaterneubau - das Gütersloher Paradies, das vor wenigen Wochen eingeweiht wurde - das müssen wir uns ebenfalls unbedingt ansehen. Führungen stündlich. Eintritt 7,50 €. Verständlich, irgendwie müssen die Kosten ja eingespielt werden.

Wir machen uns auf den Weg. Über den Ring zur Neuenkirchener Str. Gesperrt - nur noch stadtauswärts zu befahren. Die Straßendecke ist brüchig, wir sehen kurz hinter der Absperrung ein großes Loch - die Kanalisation ist hier eingefallen, die poröse Straßendecke hat nachgegeben und ein größerer Krater tut sich auf. Wir biegen ab in die Brunnenstr. Ein großes Schild steht am Anfang. "Schritttempo fahren - Achtung Schlaglöcher". Bevor wir den Fuß vom Gas genommen haben, kracht und ruckelt es auch schon kräftig - Schlaglöcher? Das scheinen ganze Schützengräben zu sein, die wir hier überwinden müssen. Wir schaffen es trotzdem. Rechts ab in die Parkstr. Bis auf die abgefahrenen Verkehrshuckel scheint diese Straße allgemein in Ordnung zu sein. Wir stellen den Wagen ab und schlendern durch den Park. "Ich muss mal", sagt die Tochter unseres Besuches. "Wo sind die Toiletten". Am Minigolfplatz finden wir eine. Geschlossen wegen Sanitärarbeiten. Rohrbruch. Das Schild sieht schon etwas älter aus - komisch. Also muss das Gebüsch herhalten. 

Weiter geht's. Über die Buschstr. zur Verler Str. Hier wollen wir links abbiegen. Ein Chaos an der Kreuzung, die Ampelanlage ist ausgefallen. Der Fahrer im Wagen nebenan flucht laut "So geht das hier schon die dritte Woche". Irgendwann klappt es und wir können endlich weiterfahren. Über die Carl-Bertelsmann-Str. wollen wir durch die Unterführung der Friedrich-Ebert-Str. Richtung Nordring. Eine große Straßensperre hindert uns jedoch an der Weiterfahrt. "Vorsicht Einsturzgefahr - Brücke beschädigt". Stützfeiler in der Straßenmitte geben den Beweis. Folgen wir also dem Umleitungsschild in die Holzstr. Durch die Carl-Miele-Unterführung muss es ja klappen. Langsam - vielleicht in weiser Voraussicht - fahren wir in die Unterführung ein. Auf einmal ein lautes Zischen, eine Wasserfontäne flutet in wenigen Sekunden die gesamte Unterführung. Vollgas, Glück gehabt. Wir lassen die rauschende braune Brühe hinter uns. Per Handy rufe ich die Feuerwehr - Anrufbeantworter: "Wir sind zur Zeit im Einsatz - nennen Sie die Adresse des Schadensortes. Wir kommen sobald es möglich ist". Durch die Pfälzer Str., die inzwischen einem holprigen Sandweg gleicht, geht es über die Berliner Str. zur Goethestr. Städtischer Bauhof. Ein Rettungswagen steht mit Blaulicht dort. Müllwerke stehen am Straßenrand. Wir halten an, fragen, was passiert ist: "Der Hausmeister wollte die Folie vom Dachfenster zum Xten Mal flicken und ist dabei aus dem Fenster gestürzt. Er hatte sich noch an der Dachrinne festgehalten, doch die war so marode, dass sie durchgebrochen ist. Der Mann hat Glück gehabt und ist in den Sperrmüllhaufen geflogen. Ein Glück, dass wir nur noch 1x monatlich die MVA anfahren und das Zeug hier zwischenlagern." Man riecht es. 

Auf der linken Seite sehen wir das Nordbad. Eine große Schutthalde türmt sich auf dem Parkplatz auf. Bagger karren immer mehr Bauschutt heran. Hinter den Bäumen ragt ein Stahlgerüst in den Himmel. Feuerfunken fliegen durch die Luft. "Wir reißen den Turm und die Gebäude ab. Das Bad ist geschlossen. Den Bauschutt können wir für die grobe Straßenausbesserung verwenden."

Unserem Besuch reicht es jetzt. "Wo sind wir denn hier? Ist denn hier alles Schrott und marode?" Nein, sage ich und wir machen uns auf in Richtung des Helmut-Lütkemeier-Theaters. Über die frisch geteerte Liz-Mohn Str. kommen wir auf die soeben fertiggestellte Karin-Miele-Allee. Die blühenden Lindenbäume erinnern uns irgendwie an die Paradestraße unter dem Brandenburger Tor in Berlin. Die ersten Hinweisschilder: Theater-Parkplatz der Gütersloher Sparkasse. Parkgebühr: 2 € pro Std. Eine große Empfangshalle ist hier errichtet worden. Automatische Ansagen, weisen die Besucher darauf hin, wo sie die Einlasstickets zum Paradies lösen können. Sauber gefegt, neue Straßenlaternen, die Parkstreifen leuchten in hellem Weiß. Weiterfahrt zum Theater jedoch nur im schwarzen CDU-Shuttlebus möglich. Hinfahrt 3 €. Darauf kommt es auch nicht mehr an. Gut gepolstert geht die Fahrt im vollen Bus über die geradlinig auf das Theater zuführende Eckhard-Heitlage-Str. Am Horizont ist ein rot-orange leuchtender Himmel zu erkennen. Große Scheinwerfer strahlen in den Himmel und beleuchten den Kulturkubus (Ich hatte in Erinnerung, dass die Lichtstrahler nicht mehr angestellt werden sollen - Vogelschutz oder so ähnlich). Der Bus hält, die Spannung steigt. Wir treten auf ein Laufband und werden langsam in Richtung Eingang befördert. Vorbei an den unzähligen goldenen Tafeln, auf denen dezent die Namen der Sponsoren eingraviert sind. Allein der Vorplatz ist beeindruckend. Der "Platz des himmlischen Friedens" ist kein Vergleich zu dem, was die Besucher hier - auf dem Klein-Wimmer-Platz erleben dürfen. Die alten Häuser an der Barkeystr. mussten leider dem Neubau weichen. Sie hätten schließlich das gesamte städtische Erscheinungsbild beeinträchtigt. Die auswärtigen Gäste sind fasziniert, erstaunt über die landschaftliche Gestaltung des parkähnlichen Platzes. Vergessen sind die Probleme der Anfahrt. Überall sind Büsten und Denkmäler der Stifter und Gönner aufgestellt. Über die ausgeliehenen Kopfhörer (2,50 €) werden wir über die Spendensumme und weitere Einzelheiten aufgeklärt. Immer näher kommen wir dem Eingangsportal und schauen ehrfürchtig in den Himmel hoch. 

Auf einmal zucken Blitze vom Himmel, der Donner grollt - was ist passiert? Eine Ansage ertönt aus den Lautsprechern. "Die Besuchszeit ist um. Bitte nehmen sie den roten SPD-Shuttlebus für die Rückfahrt (3 €) und lösen Sie in den Kassen ein Verlängerungsticket. Für die Hinfahrt besteigen Sie bitten den......."

Wir hören nicht mehr hin. Das darf nicht wahr sein, oder? 

Auf einmal schellt es laut, ich zucke zusammen. Schweißgebadet schrecke ich hoch. Der Wecker, Gott sei Dank. Alles nur ein Traum !

Roland von Zahl

27. Januar 2003

Der Kommentar spiegelt nicht unbedingt die Meinung der BfGT wieder.